LRS: Warum die Diagnose oft mehr begrenzt als die Schwierigkeiten selbst
Stärkerer Einstieg
Viele Eltern erinnern sich noch genau an diesen Moment.
Das Gespräch in der Schule.
Die Empfehlung zur Testung.
Die Diagnose.
LRS. Legasthenie. Lese-Rechtschreib-Schwäche.
Und plötzlich scheint alles erklärt.
Warum das Lesen schwerfällt.
Warum Diktate zum Albtraum werden.
Warum das Kind langsamer arbeitet als andere.
Für viele Familien ist das zunächst eine Erleichterung.
Endlich hat das Problem einen Namen.
Doch genau hier beginnt häufig ein Weg, der Kindern langfristig mehr schadet als hilft.
Denn aus einem Kind mit Schwierigkeiten wird schnell ein Kind mit einer Schublade.
Was Kinder wirklich fühlen
Wenn wir Kinder mit LRS im Coaching kennenlernen, hören wir selten:
„Ich habe Schwierigkeiten beim Lesen.“
Wir hören stattdessen:
- „Ich bin dumm.“
- „Die anderen sind besser als ich.“
- „Ich kann sowieso nichts.“
- „Warum schaffe ich das nicht?“
- „Ich will gar nicht mehr in die Schule.“
Viele dieser Kinder haben längst aufgehört, an sich selbst zu glauben.
Nicht weil sie tatsächlich wenig können.
Sondern weil sie jahrelang die Erfahrung gemacht haben, dass sie immer wieder scheitern.
Jeder Fehler wird zum Beweis.
Jedes schlechte Diktat zur Bestätigung.
Jede zusätzliche Förderstunde zur Erinnerung:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Die eigentliche Gefahr liegt oft nicht in den Rechtschreibfehlern
Ein Rechtschreibfehler zerstört kein Leben.
Ein verlorenes Selbstvertrauen schon.
Genau das beobachten wir immer wieder.
Kinder, die voller Neugier eingeschult wurden, wirken wenige Jahre später mutlos.
Kinder, die eigentlich kreativ, intelligent, humorvoll und voller Ideen sind, sehen nur noch ihre Schwächen.
Nicht weil sie zu wenig Potenzial haben.
Sondern weil niemand mehr auf ihre Stärken schaut.
Was wir in unseren Coachings erleben
In den letzten fünfzehn Jahren haben wir Hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene begleitet, die als „LRS-Fall“ galten.
Darunter war ein Mädchen, das bereits 60 Förderstunden hinter sich hatte.
Investition der Familie:
3.600 Euro.
Veränderung:
Keine.
Nach wenigen Coachings verstand sie jedoch, wie ihr Gehirn Informationen verarbeitet und welche Lernstrategie wirklich zu ihr passt.
Plötzlich wurde Lesen leichter.
Schreiben entspannter.
Und vor allem verschwand der Gedanke:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Jedes Kind bringt seine Ressourcen mit
Wir sind überzeugt:
Kinder kommen nicht als Versager auf die Welt.
Sie kommen neugierig, lernbereit und voller Potenzial auf die Welt.
Doch jedes Kind entwickelt sich in einem Umfeld.
Familie.
Schule.
Freundeskreis.
Lehrerinnen und Lehrer.
Dieses Umfeld beeinflusst täglich das Selbstbild eines Kindes.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Was stimmt mit dem Kind nicht?“
Sondern:
„Was braucht dieses Kind, damit seine Stärken sichtbar werden?“
Meiner Meinung nach dürfen wir aufhören, Kinder in Schubladen zu stecken
Eine Diagnose kann Orientierung geben.
Sie darf jedoch niemals zur Identität eines Kindes werden.
Ein Kind ist nicht seine LRS.
Ein Kind ist nicht seine Note.
Ein Kind ist nicht sein Förderbedarf.
Ein Kind ist ein Mensch mit Talenten, Fähigkeiten, Träumen und Möglichkeiten.
Und genau diese Möglichkeiten dürfen wir wieder sichtbar machen.
Denn die Frage ist nicht:
„Was kann dieses Kind nicht?”
Die viel wichtigere Frage lautet:
„Was wäre möglich, wenn dieses Kind wieder an sich glauben würde?”
Fazit
In unserer Arbeit erleben wir immer wieder:
Wenn Kinder verstehen, wie sie lernen.
Wenn Eltern den Druck loslassen.
Wenn Stärken wieder in den Mittelpunkt rücken.
Dann entstehen oft Veränderungen, die vorher niemand für möglich gehalten hätte.
Nicht durch mehr Druck.
Nicht durch noch mehr Übungsblätter.
Sondern durch Vertrauen, Klarheit und die passende Strategie.
Denn hinter vielen Kindern mit der Diagnose LRS steckt nicht eine Schwäche.
Sondern ein Potenzial, das bisher niemand richtig entdeckt hat.
Und genau dort beginnt echte Lese-Rechtschreib-STÄRKE. 💚
Herzliche Grüße
Alexandra
Lerncoach – Kinder- und Jugendcoach, Azubi-Coach, LifeKinetik-Trainerin, Gedächtnistrainerin, Autorin und Lerncoach-Ausbilderin






