Ganzheitliche LRS: Warum Lehrkräfte oft das Falsche fördern – und Kinder den Preis dafür bezahlen
Fast 5 Jahre nach meinem Schlaganfall: Warum mich das Wort „Rhythmus“ bis heute an viele Kinder erinnert
14. Juni 2026
Es gibt Momente, die vergisst Du nie.
Der 11. August 2021 ist so ein Moment.
Ein Schlaganfall.
Von einer Sekunde auf die andere war nichts mehr selbstverständlich.
Nicht sprechen.
Nicht antworten.
Nicht erklären.
Nicht einmal die einfachsten Wörter.
Und genau deshalb berührt mich heute jedes Kind, das vor mir sitzt und sagt:
„Ich kann das nicht.“
Weil ich weiß, wie sich das anfühlt.
„Ich weiß es doch!“
Das ist wahrscheinlich der Satz, den ich nach meinem Schlaganfall am häufigsten gedacht habe.
„Ich weiß es doch!“
Das Wort war da.
Der Gedanke war da.
Die Bedeutung war da.
Nur der Weg nach draußen war verschwunden.
Vielleicht kennst Du das Gefühl, wenn Dir ein Name nicht einfällt.
Bei mir waren es plötzlich ganze Wörter.
Zahlen.
Buchstaben.
Sätze.
Sprache.
Mein Gehirn arbeitete.
Meine Sprache nicht.
Das Wort „Rhythmus“
Bis heute gibt es Wörter, die mich herausfordern.
Eines davon ist:
Rhythmus.
Ein Wort, das ich seit Jahrzehnten kenne.
Ein Wort, das ich lesen kann.
Ein Wort, das ich verstehe.
Ein Wort, das ich im Kopf höre.
Und trotzdem gibt es Momente, in denen mein Gehirn sagt:
„Ich weiß es.“
Und meine Sprache sagt:
„Ich bekomme es nicht heraus.“
Genau dieser Moment hat meinen Blick auf Lernen komplett verändert.
A, B, C …
Stell Dir vor, jemand bittet Dich, das Alphabet aufzusagen.
Kinderleicht.
Oder?
A.
B.
C.
D.
E.
Und plötzlich passiert nichts.
Nicht weil Du es nicht weißt.
Nicht weil Du es nicht gelernt hast.
Nicht weil Du unkonzentriert bist.
Sondern weil Dein Gehirn und Deine Sprache gerade nicht zusammenarbeiten.
Genau das habe ich erlebt.
Dasselbe bei:
1, 2, 3, 4, 5 …
der, die, das …
ich, du, wir, sie …
Die Information war da.
Der Zugriff nicht.
Und plötzlich verstand ich tausende Kinder
Seit über 15 Jahren begleiten wir Kinder, Jugendliche, Eltern und Erwachsene.
Wir bilden Lerncoaches aus.
Wir begleiten Schulen.
Wir halten Eltern-Vorträge.
Wir entwickeln Seminare.
Wir arbeiten in Förderschulen.
Wir begleiten Schüler-Coaches.
Wir erleben täglich Menschen, die glauben, mit ihnen stimme etwas nicht.
Und plötzlich saß ich selbst auf der anderen Seite.
Plötzlich war ich diejenige, die wusste – und trotzdem nicht konnte.
„Ladeschoko“
Ein Junge las bei uns das Wort:
Schokolade
Und sagte:
„Ladeschoko.“
Viele Erwachsene hören einen Fehler.
Viele Lehrer korrigieren sofort.
Viele Eltern werden nervös.
Ich nicht.
Weil ich inzwischen weiß, was dahinterstecken kann.
Ich sehe kein faules Kind.
Kein unkonzentriertes Kind.
Kein dummes Kind.
Ich sehe ein Gehirn, das arbeitet.
Ein Gehirn, das versucht, Ordnung herzustellen.
Ein Gehirn, das eine Lösung sucht.
Warum Kinder irgendwann aufgeben
Was viele Erwachsene nicht sehen:
Kinder leiden nicht unter einem falsch gelesenen Wort.
Kinder leiden unter dem, was sie daraus machen.
Nach dem hundertsten Fehler denken viele nicht:
„Ich brauche eine andere Strategie.“
Sondern:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Und genau dort beginnt das eigentliche Problem.
Die Tränen.
Die Wut.
Die Hausaufgabenkämpfe.
Die Bauchschmerzen.
Die Schulangst.
Der Rückzug.
Der Satz:
„Ich bin dumm.“
Deshalb arbeiten wir in Lese-RechtschreibSTÄRKE mit scheinbar einfachen Dingen
Manche Eltern wundern sich.
Warum arbeiten wir mit:
ABC-Kärtchen?
Buchstabenfolgen?
Einfachen Wortmustern?
Grundstrukturen?
Weil genau dort oft die Ursache liegt.
Nicht im nächsten Diktat.
Nicht im fünften Förderheft.
Nicht in weiteren 60 Übungsblättern.
Sondern in den Grundlagen.
Wenn ein Kind plötzlich Sicherheit bei A, B, C, D entwickelt, verändert sich oft viel mehr als nur das Lesen.
Dann verändert sich das Selbstvertrauen.
Dann verändert sich die Energie.
Dann verändert sich das gesamte Lernen.
Die schwersten Jahre meines Lebens
Die letzten fast fünf Jahre waren die schwersten meines Lebens.
Und gleichzeitig die lehrreichsten.
Ich habe gelernt, wie es sich anfühlt, wenn Menschen Deine Fähigkeiten unterschätzen.
Ich habe gelernt, wie es sich anfühlt, wenn Fortschritte für andere unsichtbar sind.
Ich habe gelernt, wie viel Kraft kleine Erfolge geben können.
Und ich habe gelernt, dass Entwicklung selten geradlinig verläuft.
Danke, Michael. Danke, Maxi.
Es gibt Menschen, ohne die dieser Weg nicht möglich gewesen wäre.
Michael.
Und Maxi.
Während ich kämpfen musste, haben sie Verantwortung übernommen.
Michael mit seiner Erfahrung aus über 25 Jahren Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung und Coaching.
Mit seiner Ruhe.
Mit seinem Vertrauen.
Mit seinem Glauben an Entwicklung.
Und Maxi.
Der Schritt für Schritt in seine eigene Stärke hineingewachsen ist.
Workshops.
Ausbildungen.
Neue Technologien.
KI.
Lerncoach-Ausbildungen.
Neue Ideen.
Neue Perspektiven.
Eine neue Generation von Genialico.
Zu sehen, wie er seinen eigenen Weg geht, erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit.
Meine wichtigste Erkenntnis nach fast fünf Jahren
Wenn ein Kind bei „Rhythmus“ hängen bleibt,
wenn es „Ladeschoko“ statt „Schokolade“ liest,
wenn das ABC nicht automatisch kommt,
wenn Zahlen verrutschen,
dann frage nicht:
„Warum kann es das nicht?“
Frage:
„Was passiert gerade in diesem Gehirn?“
Denn manchmal fehlt einem Menschen nicht Intelligenz.
Nicht Motivation.
Nicht Wille.
Sondern einfach nur der passende Zugang.
Und genau dort beginnt unsere Arbeit.
Mit Klarheit.
Mit Herz.
Mit Verständnis.
Mit den richtigen Strategien.
Und mit dem tiefen Vertrauen, dass in jedem Menschen viel mehr steckt, als ein Diktat, eine Diagnose oder eine Schulnote jemals zeigen kann. ❤️






