„In der 3. Klasse kann man nichts mehr ändern.“
Als Florians Vater diesen Satz hörte, zog es ihm den Boden unter den Füßen weg.
„Laut der Lehrerin wird das mit der Rechtschreibung (LRS) nichts mehr. Er ist ja schon in der 3. Klasse.“
Puuuh.
Genau solche Aussagen tun mir weh.
Nicht nur, weil sie Kindern Hoffnung nehmen.
Sondern weil sie oft dazu führen, dass Kinder anfangen, sich selbst genauso zu sehen:
„Ich kann das nicht.“
„Ich bin schlecht in Deutsch.“
„Ich bin ein schwerer Fall.“
Genau mit diesen Überzeugungen kam Florian (Name geändert) zu uns.
Ein Junge, der längst aufgehört hatte, an sich zu glauben
Schon nach wenigen Minuten wurde deutlich:
Florian war nicht faul.
Nicht unmotiviert.
Nicht zu wenig intelligent.
Er war einfach müde.
Müde vom Kämpfen.
Müde vom Korrigiertwerden.
Müde davon, immer wieder zu hören, was er nicht kann.
Auf die Frage, ob ihm Schule Spaß macht, kam die Antwort sofort:
„Nein. Überhaupt nicht.“
Deutsch war sein Hassfach.
Lesen war anstrengend.
Schreiben war frustrierend.
Und jedes Diktat bestätigte ihm erneut:
„Du kannst das nicht.“
Wenn Lernen zur Strafe wird
Besonders erschreckend waren seine Erzählungen über den Schulalltag.
Sportsachen vergessen?
Abschreiben.
Hausaufgaben vergessen?
Abschreiben.
Fehler gemacht?
Noch mehr schreiben.
Viele Kinder erleben genau das.
Dabei entsteht ein gefährlicher Kreislauf:
Wer Schreiben ohnehin als anstrengend erlebt, verbindet es irgendwann mit Druck, Frust und Versagen.
Und dann wundern wir uns, warum die Motivation verschwindet.
Der Moment, in dem wir Florian wirklich kennenlernten
Sobald Florian von seinen Hobbys erzählte, passierte etwas Interessantes.
Er blühte auf.
Er sprach begeistert über Tiere.
Über Skater-Hockey.
Über seine Katze.
Über seinen Hasen.
Über Erlebnisse, die ihn berührt hatten.
Plötzlich war Energie da.
Lebendigkeit.
Gefühle.
Und genau dort liegen oft die Schlüssel zum Lernen.
Nicht in den Schwächen.
Sondern in den Stärken.
„Ich bin super in …“
Wir ließen Florian ein Hockeytor aufmalen.
Darüber stand:
„Ich bin super in …“
Nun durfte er seine Stärken in das Tor schreiben.
Doch genau das fiel ihm schwer.
Für jede Stärke hatte er sofort einen Einwand:
„Ja, aber …“
„Nicht wirklich.“
„Das zählt nicht.“
Wie traurig ist das eigentlich?
Ein Kind mit neun Jahren, das seine Schwächen besser kennt als seine Stärken.
Plötzlich sprach er ohne Pause
Dann fragten wir ihn:
„Was möchtest Du später einmal werden?“
Und plötzlich war der Knoten geplatzt.
Florian erzählte.
Und erzählte.
Und erzählte.
Er wollte Lego-Ingenieur werden.
Maschinen entwickeln.
Neue Systeme erfinden.
Große Ideen umsetzen.
Alternativ Tierarzt.
Seine Augen leuchteten.
Sein Gesicht strahlte.
Und genau dort wurde sichtbar:
Dieser Junge hat Fantasie.
Vorstellungskraft.
Kreativität.
Ideen.
Alles Fähigkeiten, die beim Lernen unglaublich wertvoll sind.
Die Überraschung mit Lego Ninjago
Dann fragte ich ihn:
„Kannst Du eigentlich Ninjago schreiben?“
„Na klar.“
Wenige Sekunden später stand das Wort fehlerfrei auf dem Papier.
„Woher weißt Du das?“
Seine Antwort war genial:
„Ich sehe die Schachtel vor mir.“
Bingo.
Genau das war der entscheidende Hinweis.
Florian konnte schreiben.
Er nutzte bereits Bilder.
Er wusste es nur nicht.
Das Problem war nie die Rechtschreibung
Das eigentliche Problem war sein Glaubenssatz:
„Ich kann das nicht.“
Denn jedes Mal, wenn er Erfolg hatte, erklärte er ihn zum Zufall.
Jedes Mal, wenn etwas nicht funktionierte, sah er darin den Beweis für seine vermeintliche Schwäche.
Genau das erleben wir bei vielen Kindern mit LRS.
Nicht die Rechtschreibung ist das größte Problem.
Sondern das verlorene Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Drei schwierige Wörter
Wir arbeiteten mit Visualisierung.
Spielerisch.
Ohne Druck.
Ohne rote Stifte.
Ohne Diktatstress.
Ein schwieriges Wort.
Dann ein zweites.
Dann ein drittes.
Florian entdeckte Muster.
Bilder.
Besonderheiten.
Und plötzlich schrieb er Wörter richtig, die er vorher niemals freiwillig angefasst hätte.
Der Moment, der alles veränderte
Zum Abschluss schrieb Florian die zuvor geübten Wörter erneut auf.
Schnell.
Sicher.
Fehlerfrei.
Und zum ersten Mal sahen wir etwas, das vorher kaum vorhanden war:
Stolz.
Echten Stolz.
Nicht auf eine Note.
Nicht auf ein Lob.
Sondern auf die Erkenntnis:
„Vielleicht kann ich das ja doch.“
Papa wurde getestet
Als sein Vater ihn abholte, bekam dieser direkt eine Aufgabe.
Florian testete ihn.
Und plötzlich drehte sich die Welt.
Nicht Florian brauchte Hilfe.
Sondern Papa.
Beim Buchstabensalat.
Florian löste alles sofort.
Papa brauchte mehrere Tipps.
Das Grinsen in Florians Gesicht war unbezahlbar.
Warum solche Momente so wichtig sind
Kinder brauchen Erfolgserlebnisse.
Nicht irgendwann.
Jetzt.
Erfolge verändern Gefühle.
Gefühle verändern Gedanken.
Gedanken verändern Verhalten.
Und Verhalten verändert Ergebnisse.
Deshalb ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt:
Wann hat Dein Kind zuletzt erlebt, dass es etwas richtig gut kann?
Mein Fazit
Nein.
Die 3. Klasse ist nicht zu spät.
Die 4. Klasse auch nicht.
Die 5. Klasse ebenfalls nicht.
Und selbst Erwachsene können ihre Rechtschreibstrategien noch verändern.
Was Kinder mit LRS brauchen, sind nicht noch mehr Stunden voller Frust.
Sie brauchen Menschen, die an sie glauben.
Menschen, die ihre Stärken sehen.
Menschen, die ihnen zeigen:
„Du bist nicht kaputt.“
„Du lernst nur anders.“
Denn Lernen wird leicht, wenn wir endlich aufhören, alle Kinder gleich behandeln zu wollen.
Wir sehen von außen alle unterschiedlich aus.
Warum sollten wir dann innen alle gleich ticken?
Glaube an Dein Kind.
Zeige ihm seine Stärken.
Und erinnere es jeden Tag daran:
Sein Wert hängt niemals von seiner Rechtschreibung ab.
Herzliche Grüße
Deine Alexandra
Lerncoach – Kinder- und Jugendcoach, Azubi-Coach, LifeKinetik-Trainerin, Gedächtnistrainerin, Autorin und Lerncoach-Ausbilderin






